Freud Promenade

Eröffnung: Ritten, 6. Mai 2006

FREUD ist jetzt
auch ein WEG durch die Wälder

Francesco Marchioro

Ich danke der Gemeinde Ritten und dem Verein Imago Forschung für die Unterstützung und Verwirklichung meines Projektes, das ich seit Jahren vorgeschlagen habe, und zwar eine "Freud- Promenade" auf dem Ritten zu eröffnen.
Wir beabsichtigen den 150. Geburtstag von Freud (6. Mai 1856 – 6. Mai 2006) zu feiern, indem wir dem Gründer der Psychoanalyse den Hauptwanderweg auf dem Ritten (und zwar, den Weg Nr. 35, der von Oberbozen nach Klobenstein führt), mit der Benennung "Freud-Promenade" widmen wollen.

07.09.2013

Doch, was bedeutet heute ein Spaziergang im Schatten einer großen Persönlichkeit, eines Genies des 20. Jahrhunderts?
Beim Wandern sind die Philosophie, die Weisheit und der Höhenflug des Denkens entstanden und so ergeht es uns, wenn wir uns von Pflichten und Orten, von Qualen und Ängsten loslösen wollen, daß wir uns auch heute auf Wege begeben, in Gärten, Parkanlagen, Pappelhainen, unter dem Laub und im leisen Wind, in der Hoffnung, daß das freundliche Wehen eines milden Gedanken uns überkommen und sanft entführen möge.
Und wenn das alles in einer ruhigen Waldluft geschieht, da können wir nur dem Geist des Ortes zustimmen, um seine stille Erzählung, das Gewebe der Eindrücke, den flüchtige Schatten der Erinnerung wahrzunehmen, im Genießen eines wandernden, leuchtenden und verträumten Blickes.
Nun hat sich der genius loci vom Ritten um die Faszination des Traumdeuters , Sigmund Freud, bereichert, dem der Hauptwanderweg , der Weg Nr. 35 gewidmet wird, den Scharen von Wanderern und Feriengästen seit Jahrzehnten begehen, auf der Suche nach frischem Wind und Waldesflüstern. Wir werden also dem Genius von Wien in der Stille und der Natur des Rittens begegnen, wenn wir uns dem Zauber des neuen und alten Wanderwegs hingeben können, den der Gründer der Psychoanalyse eines Sommers vor vielen Jahren, zusammen mit seiner Familie, während des Urlaubs durchwandert und bewundert hat.
Doch der Freud –Weg, wenn auch mit Unkräutern überwachsen und tief durch die Natur verlaufend, wird nicht einer jener Holzwege sein, die immer tiefer in den Wald dringen, bis sie den Wanderer auf Abwege führen; obwohl der Verlauf des Wanderweges am Ritten sehr gut bekannt ist, läßt er Ausschnitte und Anblicke, Schattierungen und Farben erkennen, die nur von demjenigen wahrgenommen werden, der mit Phantasie und Erinnerung wandert, << mit dem Ohr für das Blattwerk und das alte Gestein>>, wie Georg Trakl in seinen Versen, in Bezug auf die Gärten vom Mönchsberg, sagt.
Die „ Freud- Promenade“ gliedert den Ritten ein in die berühmte Reihe der einheimischen und ausländischen Wanderwege (Straße nach Compostela, Rilke- Weg in Duino, Straße der Musik in Mailand, Dürer-Weg in Salurn u.a.), mit entsprechender Aufwertung des Ortes und seiner großen Geister, offen für alle diejenigen, welche die Ruhe suchen und die Kultur lieben auch dann oder vor allem, wenn sie auf Urlaub sind.

Wie gelangt aber Sigmund Freud nach Klobenstein? In einem Brief an Carl Gustav Jung schreibt er: «[für den nächsten Sommer] brauche [ich] dazu einen Raum, in dem ich allein sein kann, und einen Wald in der Nähe.» (Februar 1911). Zusammen mit seinem Schüler und Freund Sandor Ferenczi verläßt er Wien vor Ostern, am 14. April, und zwar an einem Freitag, und macht einen kurzen, nur sechstägigen Ausflug in der Umgebung von Trient und Bozen, um den erträumten Platz zu finden. Am Freitag, dem 14. April reist er morgens von Wien ab, wohin er am folgenden Donnerstag zurückkehrt. Ihn begleitet S. Ferenczi, und seine Suche wird sehr erfolgreich sein.
So verläßt Freud am 9. Juli Karlsbad, wohin er sich begeben hat, um sich von einer „amerikanischen Kolitis“ zu erholen, und reist zu seiner Familie nach Klobenstein, einem kleinen Dorf auf der Rittner Hochebene in Südtirol, das von Bozen nicht weit entfernt ist. Hier in Klobenstein, im Hotel Post, feiert das Ehepaar Freud seine silberne Hochzeit am 14. September 1911. Die Freude des Urlaubs wird also von Gefühlen und Liebe erfüllt.
Und in Klobenstein schreibt er Die Inzestscheu, den ersten Aufsatz des Werkes, das den Titel Totem und Tabu trägt. Die Schwangerschaft wird jedoch länger als geplant dauern. Erst im Mai 1913 wird er sagen können, daß er sich „fröhlich und ruhig“ fühlt, da er sich der „Arbeit über das Totem“ entledigt hat.
Dieses Werk entsteht in einer glücklichen Ruhestimmung. Auf dem Ritten bieten die Wälder einen herrlichen Ausblick auf die ganze Dolomitenkette, auf Pässe und Gipfel, die er in seinen zahlreichen Reisen mehrmals erreichen wird, wobei er heitere Wanderungen in das Netz uralter Wege webt.
Lassen wir uns also vom Natürlichen und seiner Geschichte, von Bildern, Ideen, faszinierenden Erzählungen ergreifen. Nur in dieser Gemütsverfassung ist es möglich, die Freud-Promenade zu erleben und dem Genius zu begegnen, was zu einem Schauspiel der Schönheit, zu Dialog und Kunst der Ausgeglichenheit und zum Gleichnis mythischer Vorstellung wird und eine Umwandlung im Bewußtsein des Menschen bewirken kann. Francesco Marchioro,Gründer, Präsident der IMAGO Forschung – Bozen, Essayist, Historiker der Psychoanalyse- Experte für angewandte- www.francescomarchioro.it